Inhalt der Website: Elegie - Meine Schwester Esther Sasson-Giovanoli verstarb in ihrem 47. Altersjahr viel zu früh und völlig unerwartet am 25. Januar 2006 in ihrer Wahlheimat Israel. Mario Giovanoli schrieb zwischen Februar 2006 und Juni 2007 ein Erinnerungswerk, welches auf sieben ausdrucksstarken, thematisch bezogenen Gedichten meiner Grosstante Maria Lutz-Gantenbein basiert. Während diesem Prozess entstand in mir die Idee einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit mit einem israelischen Chor und einem schweizerischen Orchester. Geplant sind Konzerte in Chur, Zürich, St. Gallen und Liechtenstein.
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Am 11. Mai 1902 wird Maria als Tochter des Missionarsehepaares Regina Dorothea und Bartholomé Gantenbein in Kamerun geboren. 1905 kehrt die Familie nach Chur zurück, da die mütterliche Seite aus Graubünden stammt. 1907 erfolgt der Umzug nach St. Gallen. 1909–1911 Primarschule in St. Gallen. 1912–1917 Besuch der Missionsschule in Basel. Da ihr Vater den Wunsch seiner lebensfrohen Tochter aufs Gymnasium zu gehen nicht toleriert (Knabenschule!), absolviert Maria von 1918–1920 die Handelsschule Thalhof in St. Gallen. Als 20-Jährige verbringt sie ein Jahr in England. Wäre es nach ihren Vorstellungen gegangen, hätte sie ein Amerika-Jahr angehängt. Stattdessen tritt sie in Chur eine kaufmännische Stelle in der Arztpraxis ihres Onkels an. Sie engagiert sich stark in der «Wandervogel-Bewegung» (ein zeitgemässer Vorläufer der Hippie-Bewegung) und wird Präsidentin des Churer Abstinentenbundes(!). Von 1925–1927 holt Maria die Matura nach und lässt sich zur Sekundarlehrerin ausbilden. 1927/28 arbeitet sie ein Jahr lang als Sprachlehrerin am Mädcheninstitut «Les Frugères» bei Lausanne. Am 18. August 1928 heiratet sie den Appenzeller Buchhändler Friedrich Lutz, den sie 1922 in Paris kennen lernte. 1929 Geburt der einzigen Tochter Regina Maria, 1936 definitiver Durchbruch zum Schreiben. 1940 stellt die «Davoser Revue» ihre ersten Gedichte vor. In der Folge werden die Gedichtbände «Gefährten der Stille» 1944 und «Aus Monden reift das Jahr» 1947 veröffentlicht (beide bei Huber, Frauenfeld). 1948 Teilnahme an den Feierlichkeiten zum 100. Todestag von Anette Droste-Hülshoff in Meersburg (D) wo sie später wiederholt an den dort stattfindenden Dichtertreffen partizipiert. Als 3. und 4. Gedichtband folgen «Die Muschel» 1952 und «Sommer ohne Glut» 1957 (Huber, Frauenfeld). 1957 Anerkennungspreis der Stadt St. Gallen, 1958 Anerkennungspreis der Stadt Zürich. 1976 Auszeichnung der Stiftung «Pro Arte», Bern. Der Classen-Verlag bringt 1978 «Mond und Spinne» mit Gedichten aus den vergangenen 20 Jahren heraus. 1980 Anerkennungsgabe des Kantons Zürich. «Skarabäus – 42 Gedichte» (1981) und «Meine Trauer trag' ich zum Gürteltier» (1983) erscheinen beim Zürcher Pendo-Verlag. Die Unterstützung und Förderung junger, innovativer Künstler war ihr ein stetes Anliegen, was sich in vielen spontanen Einladungen und angeregten Diskussionen zu später Stunde bei Wein und Brot manifestiert. Am 7. März 1986 stirbt Maria Lutz-Gantenbein nach 6-wöchiger schwerer Krankheit in ihrem Haus in Zürich-Leimbach. An der Beerdigung am 12. März lesen mehrere Autoren aus ihrem Werk. Für die Abdankungsfeier wird eines ihrer Gedichte von Mario Giovanoli vertont und uraufgeführt. Im Herbst 1986 erscheint posthum ihr letzter Gedichtband «Zeit der ungesäuerten Brote», dessen Manuskript sie noch selber fertig gestellt hat.
SEIT EINES ENGELS LÄCHELN
VERSTUMMTE
IST NIMMER DIE HIRTENFLÖTE ERKLUNGEN:
ERBARMUNGSLOS
AUS DEM KRUGE
TROPFT TOD.
Komm mit
in meine dunkeln Träume
Rette mich
durch die Nacht!
Wie wandeln schon sich Sommerbäume
und werden Winterfracht,
eh sie in Flüssen meerwärts treiben,
kahl und beschattet nur vom Wind –
Wo
darf die Blume
Blüte bleiben,
wenn Früchte
früh
im Fallen sind?
Der Tränenkrug
ist gefüllt
Die Herzkammern
stehn leer
Der Traumvogel
ist weggeflogen
Die Engelsflügel
sind erlahmt
Das Wunder
bleibt aus –
Doch
in Nächten
glimmt
eine winzige Flamme
über dem Schmerz –
Die Nacht ist lau. Es tropft der Regen,
vom Wind gepeitscht, auf Haus und Dach.
Viel Stunden hab ich so gelegen
das Herz von wilder Unruh wach.
O könnt ich leise weinend sagen,
was meine bange Seele quält.
Doch keine Antwort folgt dem Fragen,
nur Trauer mich umfangen hält.
Der Regen tropft zur Erde nieder,
gelöster Wolken Tränenschar
und feuchte, monotone Lieder
begraben sanft, was gestern war.
Ach, wie das Sterben an Liebende rührt,
innig erschlossen dem Leben!
Keiner weiss heute, was morgen ihn führt,
wortlos dem Tod sich zu geben.
Freuden versinken wie Monde im Meer,
glutlos und nimmer zu fassen.
Was wir erhaschten in heissem Begehr,
müssen wir willenlos lassen.
Keiner weiss heute, was morgen geschieht.
Finsternis lauert an Türen.
Jegliche Stunde, die leuchtend entflieht,
lässt uns an Sterbendes rühren.
Der Schwäne rauschende Schwingen
schrecken mich auf aus dem Traum.
Herbst flimmert aus allen Dingen,
Wolken, Wellen und Baum.
Das Kind kommt vom sandigen Ufer,
beschenkt mich mit Muschel und Stein.
Und Möwen, die lärmenden Rufer,
umwehn uns mit schneeigem Schein.
Die Wolken, der Baum, die Wellen,
Die Möwen, der Traum, das Kind,
sie alle deuten, dass Hellen
von Dämmer umwittert sind.
Immer
sinkt in die dunklen Sümpfe,
wer einsam
dem flackernden Moorlichte folgt.
Lautlos umdüstert ihn
schwelende Schwere,
denn aus den Wäldern
hebt sich kein Wind.
Wie bist du verloren,
verwunschener Vogel!
Lahm
deine Flügel,
die Vielfalt des Schauens,
und nie mehr in Lüften
der schwebende Sang –
Mond
steht am Himmel,
und die Wolken wandern.
Sie sind so düster
wie das Denken dieser Nacht.
Der Mond blüht weiss
aus allen Dunkelheiten.
Und manchmal,
wenn die Wolken
zögernd
im Bannkreis seines Lichts
verharren,
sind sie von Helle
ganz durchdrungen.
Denn jede Finsternis
weicht
solchem Augenblicke,
der auch mein Herz,
das übervoll von Traurigkeit,
für kurze Tröstung
in den Himmel hebt.